Ein älterer Herr mit seinem Mops. Schwarzweiß-Skizze durch KI erstellt (StableDiffusion)

Der Mops von Herrn Otto

Die ursprüngliche Kurzgeschichte von Ernst Jandl, der kein Erfolg beschieden war

Herr Otto hat einen eigenwilligen Hund, einen Mops. Weil Herr Otto nicht sehr gut im Ausdenken von Namen ist, hat er seinem Hund keinen gegeben, sondern nennt ihn einfach “Mops”. Häufig passiert es, dass dieser Hund trotzig ist, woraufhin Herr Otto ihn strafend verscheucht, auf dass er ihm aus den Augen gehen möge. Meist läuft der Mops dann hopsend von dannen. Herr Otto nimmt dies interessiert zur Kenntnis – offenbar gibt es also Befehle, die der Hund anstandslos befolgt.

Auf diese Weise alleingelassen verrichtet Herr Otto ungestört sein Tagwerk. Beispielsweise heizt er seine Wohnung noch mit einem uralten Koksofen, für den er den Brennstoff die Kellertreppe hochträgt. Oder er besinnt sich auf den Ratschlag der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und holt sich ein Stück Obst zum Verzehr. Während Herr Otto dies und das erledigt, fällt ihm beiläufig auf, dass von seinem Hund rein gar nichts mehr zu hören ist. So sehr er auch lauscht, hört er weder Schnarchen noch Trapsen. Zaghaft ruft er seinen Hund in der Hoffnung, kurz darauf das Klicken seiner Krallen im munteren Schritt auf dem stabverleimten Parkett der Wohnung zu hören.

Was er aber von seinem Hund hört, ist ein leises Klopfen. Vielleicht ist es der lustig geringelte Schwanz, der vor Freude wedelnd im Liegen auf den Boden dotzt? Oder hat das Tier gar gelernt, an der halboffenen Küchentür anzuklopfen und höflich um Einlass zu bitten? Herr Otto lockt seinen Hund freundlich an und dieser tritt ins Zimmer ein. Der Mops übergibt sich sofort auf den Fußboden. Das ist das letzte, mit dem Herr Otto gerechnet hätte und besorgt kümmert er sich nun um seinen Hund und um das gute Parkett.

Parafaktische Anmerkungen (Drk Hrtmnn)

Herr Otto war ein Findelkind unbekannter Herkunft. Er wurde 1949 als Zweijähriger in einem Geschäft für Heimtierbedarf in Purkersdorf bei Wien aufgefunden; gekleidet in einem wärmenden Hasenkostüm und mit einer Armkette mit dem Namen “Otto”. Man hat es einfach dabei belassen, dass der Nachname des Kindes unbekannt war, selbst nach seiner Adoption durch Alfriede und Egerhardt Borkschnieder aus Castrop-Rauxel. Genannt wurde er bis zu seinem 21. Lebensjahr lediglich “Otto” und danach “Herr Otto”.

Ernst Jandl pflegte in dem Geschäft für Heimtierbedarf in den 60er Jahren das Futter für seine Gespenstschrecken zu kaufen, die er mit großer Hingabe züchtete und erfuhr dort von dem Findelkind namens Otto.

Es ist nicht belegt, dass Jandl Herrn Otto jemals persönlich kennenlernte und ob die Existenz des Hundes nur eine literarische Idee des Schriftstellers war.


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